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Pogopolitik gegen Nazis: Das Grauzone-Problem

Pogorausch versteht sich als antifaschistische Biermarke. Daher werden wir in einigen Artikeln darstellen, wie wir uns Antifaschismus konkret vorstellen, insbesondere angesichts oft schwer zu erkennender Nazis, die sich auf unsere Konzerte schleichen. Diese Arschlöcher haben da nichts zu suchen – und die, die es versucht haben, haben auch gespürt, dass militanter Antifaschismus Schmerzen erzeugt. Zugleich hat Pogorausch aber mit Brille einen ehemaligen Fascho aufgenommen, damit er die Konzerte organisiert. Das hat zu einiger Verwirrung geführt.
Wir veröffentlichten inzwischen auch eine Stellungnahme von Brille, und es wird wohl noch mehr Texte von mit Pogorausch verbundenen Personen geben, in denen wir uns gegen Vorwürfe wehren und klar machen, warum wir so handelten, wie wir handelten. Zunächst und an dieser Stelle gibt es einen grundsätzlichen Text von unserem Hauspolitologen Peter Seyferth – etwas lang geraten, aber das ist ja typisch für diese Intellektuellen.

Ansteckungsgefahr und Toleranz in unseren Szenen

Vorüberlegung: Kann man unpolitisch sein?

Politik kotzt viele Leute an. Normale Spießer sind üblicherweise bloß vom politischen Personal (also den Politikern) und von deren konkretem Handeln enttäuscht, stellen aber die staatliche Politik an sich nicht in Frage. Radikalere Leute lehnen das ganze System ab und wollen etwas anderes (wenn auch nicht immer klar ist, was das sein soll oder wie man es erreichen kann). Klar ist, dass nicht nur Politiker schrottig sein können, sondern auch Radikale. Wer einige Zeit mit Radikalen zu tun hat, wird sich auch immer wieder über die ein oder andere Person oder Tat ärgern. Was läge da näher, als ganz unpolitisch zu werden? Endlich kein Streit mehr um unwichtige Dinge wie welche Wörter man benutzen darf oder wen man zusammenschlagen darf, nur noch wichtige Dinge wie Saufen, Style und Musik. Diese vermeintlich unpolitische Haltung ist aber nicht unpolitisch. Sie ist erstens ein politischer Kommentar (»Ich lehne die Verhaltensweisen, die ich bisher als politische kennengelernt habe, ab!«) und zweitens mit einem politischen Ziel verbunden (entweder »Alle sollten so unpolitisch wie ich werden!« oder »Allen sollten politische Einstellungen egal sein, zumindest auf meiner Party!«). Außerdem kann nerviger Streit auch über vermeintlich unpolitische Dinge entstehen.

Man kann zwar aus dieser oder jener Politik aussteigen – etwa indem man ein Land oder eine Szene verlässt – aber man kann nicht aus jeder Politik aussteigen, zumindest solange nicht, wie man mit anderen Menschen interagiert. Sobald sich mehrere Menschen auf einem Platz befinden, gibt es bestimmte Koordinationsprobleme: welche Sprache wird gesprochen, wer darf wo stehen, wer darf was machen, wer muss inwieweit in Ruhe gelassen werden etc. Das sind politische Fragen (schließlich betreffen sie Machtbeziehungen zwischen Personen), die nur deshalb nicht jedes Mal auffällig problematisch werden, weil man sich schon vorher stillschweigend über die Antworten einig ist (z.B. »Wir halten uns an Recht und Ordnung« oder »In unserer Szene ist das und das üblich«). In manchen Szenen ist Anti-Politik üblich, d.h. die Ablehnung offizieller staatlicher Politik (und der dazugehörigen Polizeigewalt). Das ist etwa in der Punkszene der Fall; Anti-Politik ist die politische Haltung des Anarchismus. Der Anarchismus will die Politik der Herrschaft von Menschen über Menschen abschaffen – und durch andere Politik ersetzen. Nicht Chaos als dauerhaftes Endziel (auch wenn man es auf dem Weg dorthin vielleicht in Kauf nimmt, und als spaßiges Erlebnis vielleicht sogar gutheißt), sondern eine herrschaftsfreie Ordnung. Dass der negative Aspekt der Ablehnung mitunter stärker betont wird als der positive Aspekt der zu schaffenden neuen Politik beweist nicht, dass es nur die negative Seite gibt.

Über diesen Text

Dieser Text ist in der Überzeugung geschrieben, dass politische Einstellungen nicht nur unvermeidlich und womöglich lästig sind, sondern dass sie wichtig sind für alle unsere Szenen. Immer gibt es eine politische Ordnung (und sei sie noch so flüchtig oder schwer zu beobachten). Man kann versuchen, sie zu ignorieren, oder man kann darüber schimpfen, oder man kann die Anstrengung unternehmen, sie umzuformen – ersatzlos abschaffen kann man sie nicht. Es sind aber sehr verschiedene politische Ordnungen möglich, die von den Mitgliedern ganz unterschiedlich viel Konformität verlangen. Bei den einen genügt es, irgendwie gegen (oder für) den Mainstream der Gesellschaft zu sein, bei den anderen muss ein ziemlich strikter Dresscode und Verhaltenskodex eingehalten werden. Konformität schränkt individuelle Freiheit ein, ermöglicht aber auch das Gefühl von Zugehörigkeit, Dabeisein, Aufgehen in der Masse. Wie viel Konformität sollten wir uns für unsere Szenen wünschen, und welches sollten die Regeln sein, zu denen wir uns konform verhalten (oder eben nicht)? Diese Fragen stellen sich nicht nur, aber besonders drängend angesichts der sogenannten »Grauzone«-Problematik. Wenn ich hier von Grauzone spreche, dann beziehe ich mich auf die Definition von oi the greyzone. Dabei werde ich über Ansteckungsgefahr sprechen, über das Bilden von Urteilen, über die Schwäche der Nazi-Ideologie (die trotzdem gefährlich ist), über den Umgang mit Aussteigern (also darüber, was ich unter Toleranz verstehe) und schließlich über wünschenswerte Ziele für unsere Szene. Mein Text ist lang und nicht in der typischen Fanzine-Sprache formuliert. Trotzdem halte ich ihn für wichtig und lesenswert.

Politische Einstellungen entwickeln sich und haben viele Quellen

Politische Gesinnung entsteht nicht im nichts. Die meisten neuen Ideen bauen auf vorher Gedachtes und Getanes auf, und davon erfährt man (wenn man nicht gleich Bücher lesen will) von den Leuten, mit denen man Kontakt hat. Es spielt eine wichtige Rolle, welche Ideen einem begegnen, und wie sie das tun (ob die Begegnung also angenehm ist, etwa im Rahmen einer lustigen Feier, oder ob sie unangenehm ist, weil die Träger der Ideen einen zusammenschlagen). Im Laufe des Lebens lernt man üblicherweise sehr viele, auch sehr widersprüchliche Ideen kennen. Einiges davon kann man in seine eigene politische Gesinnung einbauen. So kann sich, wer etwa Nazi ist oder werden will, bei der Propaganda der alten Nationalsozialisten bedienen, aber auch bei den Neuen Rechten und sogar bei den Linken (das kommt sogar relativ häufig vor – weil die Linken eben die besseren Ideen haben). Auch möglich sind Anknüpfungen an verschiedene Mythen (z.B. religiöser oder rassistischer Art). Wer ein Linker ist oder werden will, kann sich bei der Propaganda sehr unterschiedlicher Denker_innen und Gruppen bedienen: bei den Kynikern des alten Griechenland, bei Spartakus im alten Rom, bei den aufständischen Bauern und Wiedertäufern im Mittelalter, bei den Utopisten und Sozialisten der Neuzeit, bei den autoritären Kommunisten (Marx, Engels, Lenin, Stalin, Mao, Pol Pot, Fidel Castro, Che Guevara etc.), bei den Sozialdemokraten, bei den Anarchist_innen, bei Dada, den Situationisten, den 68ern, bei allen möglichen gegenkulturellen Strömungen und natürlich bei den aktuellen Gruppierungen und Theorien des Kampfes für eine gerechte Globalisierung sowie des antirassistischen, queeren, antifaschistischen, ökologischen Widerstandes. Immer kann man auch eigene Ideen mit einfließen lassen, aber der Bezug auf eine ganze Tradition von Anti-Mainstream-Denken ist nützlich und sinnvoll – auch und gerade wenn der Bezug ein kritischer ist.

Kritischer Umgang mit vorher und von anderen Gedachtem und Getanem ist unvermeidlich, da es auch innerhalb jeder Schule verschiedene Richtungen und Meinungen gab und gibt (so verstehe ich mich zwar als Linker, lehne aber strikt die Richtungen des autoritären Sozialismus und der Sozialdemokratie ab – was es mitunter schwer macht, das von diesen Strömungen besetzte Wort »links« zu benutzen). Die Vielfalt der Strömungen erfährt man nicht gleich am ersten Tag des Interesses für eine bestimmte politische Gesinnung, aber mit der Zeit bekommt man die üblichen Streitlinien und Themen mit. Und dann muss man damit umgehen, d.h. üblicherweise Stellung beziehen oder das Thema für unwichtig erklären.

Kritik an politischen Einstellungen und Aufklärung

Es ist wichtig anzuerkennen, dass die politische Sozialisation ein Prozess ist, der das ganze Leben lang läuft und nicht vorherbestimmt ist. So ist es etwa möglich, dass manche politischen Meinungen eines jungen (aber selbstverständlich auch eines älteren) Menschen nicht mit den anderen Teilen seiner Gesinnung zusammenpassen. Oft macht ihn das eigene Umfeld darauf aufmerksam (»Du kannst doch nicht gegen die kapitalistische Ausbeutung der Arbeiter und zugleich für die Ausbeutung dieser oder jener Minderheit sein! Das ist inkonsequent!«), manchmal halten einem das auch politische Gegner im Rahmen einer Diskussion vor. Es passiert aber gar nicht selten, dass große Gruppen lange Zeit eine seltsame Mischung von Ideologien aufrechterhalten. So haben z.B. viele Linke noch vor nicht allzu langer Zeit ihren Antikapitalismus, Antirassismus und Antifaschismus fröhlich mit einem widerlichen Antisemitismus unter einen Hut gebracht. Es ist ein Verdienst der Antideutschen, darauf aufmerksam gemacht zu haben, auch wenn nicht wenige ihrer Aktionen und Verleumdungen unter aller Sau sind.

Ähnlich verdienstvoll ist der Versuch einiger Antifa-Gruppen, über die ideologischen, organisatorischen und persönlichen Verbindungen von rechten Gruppen hinein bis in fast alle Bereiche der Gesellschaft zu berichten. Da steckt nicht selten gründliche, aufwendige und sogar gefährliche Recherche dahinter, und solche Aufklärungsarbeit ist wichtig und begrüßenswert. Die Aufklärung ist nötig, damit man nicht aus Unwissenheit rechter Propaganda ein Aktionsfeld bietet. Aber auch hier kann es zu falschen Anschuldigungen und unfairen Angriffen kommen. Daher sollte stets offengelegt werden, welche Beweise für ein Urteil sprechen – und bei aller berechtigten Skepsis gegenüber möglicherweise rechts-infizierten Personen und Gruppen sollte auch der Grundsatz »im Zweifel für den Angeklagten« gelten. Ich möchte, dass Nazis entlarvt und deren verachtenswerten Taten öffentlich gemacht werden, aber ich möchte nicht, dass jeder als Nazi gilt, über den das jemals behauptet worden ist. Über mich ist auch schon vieles behauptet worden (z.B. dass ich ein Kanzlerkandidat, ein Neoliberaler, ein Schlägertyp, ein Dackel und noch dazu schwul sei – nichts davon stimmt).

Wie verhindern, dass Aufklärung zur Hetze verkommt?

Ich möchte ein paar »Beweisverfahren« aufzählen, die ich für ungenügend halte, um darauf den Vorwurf zu begründen, jemand sei rechts oder gar ein Nazi. 1. Man zeigt, dass die MySpace- oder Facebook-Freunde einer Person Verweise auf Rechtsextremisten und/oder »Rechtsoffene« haben, ohne dass die Person selbst solche Links gesetzt hat. 2. Man zeigt, dass eine Person oder eine Band im selben Lokal auftritt wie eine andere Person oder Band, die schon mal mit einer rechten Band gespielt hat und daher als »rechtsoffen« gilt. 3. Man zeigt, dass eine Band auf einem großen Festival auftritt, auf dem auch »rechtsoffene« Bands auftreten. Bei solchen Verbindungen kann man den Personen oder Bands höchstens vorwerfen, nicht genau aufgepasst zu haben. Schöner wäre es gewesen, wenn das nicht passiert wäre. Verurteilungen, die auf solchen Verbindungen fußen, führen zu inflationären Nazi-Verdächtigungen (schon die Gerüchte über Antidote und Klasse Kriminale gehört? Und haben in den 90ern nicht die Stage Bottles in einer Location gespielt, in der auch... usw.). Dann ist plötzlich jeder Nazi, und Nazi-Sein wäre folglich unvermeidbar – und auch nicht mehr schlimm. Auf Verbindungen wie die genannten dürfen wir also unseren Kampf gegen Faschismus nicht gründen. Etwas anderes ist es, wenn sich jemand 1. öffentlich zu Faschisten als Freunden bekennt (z.B. durch einen direkten Link auf solche Leute), oder wenn man 2. für rechtsextreme Organisationen oder in erkennbar rechtsextremen Lokalen auftritt, oder schließlich wenn man 3. gemeinsam mit rechten Bands tourt oder auftritt. Das wäre jedes Mal eine Unterstützung von Rechtsextremen.

Die Unterscheidung ist nicht immer leicht zu treffen. Oft herrscht einfach Unwissenheit vor. Bands, die viel touren, haben es oft mit lokalem Support zu tun, den sie nicht kennen; auch ist es nicht immer offensichtlich, dass Veranstalter oder Lokal rechten Hintergrund haben. In diesem Fall ist die Recherche von Antifaschist_innen eine sehr wichtige Hilfe, um Informationen zu erhalten – dass es dabei aber oft gleich zu Verurteilungen kommt, ist kontraproduktiv. Damit soll nicht gesagt sein, dass sich Personen oder Bands nicht politisch bewegen können oder dass eine Unterstützung rechter Strukturen nicht möglich sein kann. Hier gilt es, genau hinzuschauen – und eben auch mal bei den Betroffenen nachzufragen. Und dabei macht der Ton die Musik. Wer sich unberechtigterweise angegriffen fühlt, ist für selbstkritische Reflexion kaum noch zu gewinnen.

Für Bands wie Veranstalter wäre es auf der anderen Seite überhaupt stets ratsam, von vorneherein durch Statements und Verhalten keinen Verdacht aufkommen zu lassen. Und man darf nicht vergessen, dass ja vielleicht eine linke Band, die mit einer rechten Band spielt, die Rechten unterwandert, sie von der besseren Seite überzeugt, mit Antifaschismus ansteckt. Falls es überhaupt zu einem ideologischen Austausch kommt. Bei Crustpunks mag es vielleicht unvermeidlich sein, dass über Politik geredet wird, aber andere Subgenres des Punk, insbesondere Oi!, sind nicht ganz so auf Politik fixiert. Wenn im Backstageraum eines Konzertorts nie über Politik gesprochen wird, und wenn sich Bands auch nicht in Internetblogs informieren (weil es sie einfach nicht interessiert), dann entsteht zwangsläufig eine »Grauzone«, insofern man einfach nicht weiß, wie die anderen politisch drauf sind. Dazu trägt noch bei, dass Nazis keineswegs immer offen als solche auftreten.

Die Nazi-Ideologie ist so dumm, dass sie sich oft tarnen muss

In den meisten Bereichen der Gesellschaft – selbst da, wo rassistische und sexistische Ressentiments unwidersprochen bleiben – ist der Nationalsozialismus sehr schlecht angesehen. Daher treten nur die dümmsten Nazis offen als solche auf. Unter sich darf man schon zugeben, dass man z.B. Hitler verehrt, Juden hasst, Ausländer terrorisieren möchte (oder was immer gerade die ideologischen Glaubenssätze der Rechten sind) – man muss das intern sogar tun, damit man authentische Kameraden erkennen kann. Aber zur Gewinnung neuer Anhänger muss man diplomatischer vorgehen. Daher versucht etwa die NPD, brav zu wirken und veranstaltet harmlose Bürgerfeste mit Grillstand und Hüpfburg. Insbesondere mit Musik kann man die Herzen von noch orientierungslosen Jugendlichen erreichen. Was läge näher, als in alle möglichen Subkulturen zu gehen und gerade bei den Leuten, die eh keinen Bock auf die BRD-Normalität haben, rechte Themen als attraktiv und cool darzustellen? Bei Skinhead und Fußball sind die Rechten schon länger tätig, auch Metal und Gruft kennen solche Tendenzen. Und es liegt nahe, auch in Punk ein potentielles Gebiet für die Rekrutierung neuer Anhänger zu sehen. Wenn Punk nicht so faschoverseucht werden will wie die genannten (und andere) Subkulturen, gilt es daher wachsam und wehrhaft zu sein!

Allerdings sollte man auch aufpassen, dass man nicht paranoid wird. Paranoia ist die Geisteskrankheit der Rechten (daher ihre Betonung von Law and Order, ihr Faible für Verschwörungstheorien und Waffen, ihre strikte In-Group/Out-Group-Unterscheidung), die Linken sind wenn dann schizophren (weil sie zwei Welten sehen können: die zu kritisierende, und die zu erkämpfende).

Aber Spaß beiseite: Die Nazi-Ideologie muss bekämpft werden, obwohl sie nicht so stark und attraktiv ist, wie manche gern glauben – Anhänger wie Feinde. In einer offenen Diskussion haben die verschiedenen Varianten der Nazi-Ideologie keine Chance gegen eine große Zahl linker Denkschulen. Die linken Argumente sind einfach stärker als die der Rechten. (Damit hängt zusammen, dass die Linken eher zum Diskutieren tendieren, die Rechten zum Schlägern.) Das war schon immer so, obwohl sich ja beide Ideologien im Laufe der Jahrhunderte stark verändert haben. Üblicherweise war es so, dass nach einiger Zeit die Rechten das von den Linken übernommen haben, was diese bereits in der internen Diskussion überwunden haben. So haben sich die alten Nazis für ihre Propaganda auch bei zwei ursprünglich linken Konzepten bedient: Nationalismus und Sozialismus. (Zugegeben, der Nationalismus war eine besonders dämliche Idee der Linken, aber als ideologisches Kampfmittel gegen die Herrschaft des Adels schien es damals geeignet. Auch zuzugeben ist, dass die Nazis nicht sozialistisch waren: Ihre sozialen Leistungen waren bestenfalls instrumenteller Art, wie bei Bismarck, während die größten Profite das reiche Industriebürgertum machte). Dass Neonazis jetzt gegen die kapitalistische Globalisierung sind, Ökorhetorik für sich entdecken, sogar Kleidungsstil und Kampfformen der Autonomen übernehmen, ist ein weiteres Zeichen, dass die Rechten keine Berührungsängste haben und sogar bereit sind, alte linke Forderungen zu übernehmen (wenn auch mit entsprechenden Änderungen: »Nie wieder Krieg – nach unserem Sieg!« skandierten sie vorletztes Jahr in München und meinten damit: »Wir wollen Krieg!«).

Wer steckt wen an?

Die Übernahme linker Positionen durch Rechte stellt die »Infektionshypothese« infrage. Die Infektionshypothese ist die unbewiesene Behauptung, dass, wer Kontakt mit einem Nazi hat, vom Nazismus automatisch angesteckt wird, so dass er ab sofort selbst ein ansteckender Nazi ist. Kaum jemand vertritt so eine weitgehende (und dämliche) Hypothese, aber in abgeschwächter Form tritt sie durchaus auf. So ist zwar klar, dass wer in gewalttätige Auseinandersetzung mit Nazis gerät, dadurch kaum zum Nazi wird. Und wer nur zufällig im selben Zugabteil sitzt, steckt sich auch nicht gleich an. Aber wie ist es, wenn man miteinander Bier trinkt? Vielleicht sogar wiederholte Male? Und wenn man gemeinsam Musik hört? Immerhin haben solche Tätigkeiten ja die Fähigkeit, Gemeinschaft zu schaffen. Es gibt also lose Kontakte, bei denen niemand von der Ideologie des anderen infiziert wird, aber auch enge Kontakte, bei denen man sich näher kennenlernt und sogar anfängt, einander zu verstehen (»Er ist zwar ein Nazi, aber persönlich ist er ok« und ähnliches hört man dann). Die Frage ist freilich, wer wen ansteckt. Wenn auch die linken Ideologien tendenziell klüger und durchdachter sind, so hängt es doch stark von der Persönlichkeit des Einzelnen ab, wie beeinflussbar er ist. Es ist schon vorgekommen, dass ein Linker durch ständiges Abfeiern mit Rechten selbst nach rechts gerückt ist. Ich sehe aber keinen Grund, weshalb es nicht anders herum genauso gehen sollte!

Sicher, den 95jährigen Altnazi dreht keiner mehr um, und ein geschlossenes nationalsozialistisches Weltbild ist nicht leicht aufzubrechen. Aber die meisten Rechten sind ideologisch recht wackelig auf den Beinen. Sie wollen Freunde gewinnen und dabei ihre Ressentiments behalten. Sie wollen die einfache Sorte von Spaß, Wahrheit und Gerechtigkeit: diejenige, die sich gegen Schwächere richtet. Und insbesondere die subkulturellen Rechten wollen bei all der zugrunde liegenden Spießigkeit rebellisch und wild wirken. Ein Rechter, der Kontakt zur Punkszene sucht, könnte ein Spitzel sein, ein schleichender Propagandist, ein Agent provocateur – oder einfach ein unsicherer Jugendlicher, der irgendwie was extremes oder krasses sucht und das bisher bei den Rechten nicht in erhoffter Form gefunden hat. Wenn es Szenen gäbe, die insofern »rechtsoffen« wären, dass sie es Leuten ermöglichten, vom rechten Irrweg wegzukommen – wären solche Szenen nicht ein wichtiges Instrument zur Schwächung rechter Zusammenhänge? Stellt Euch vor: den Rechten laufen die Leute davon – aber wohin?

Es ist gut, wenn Leute aus der Nazi-Szene aussteigen

Ich verstehe mich selbst als Antifaschisten (und noch einiges mehr). Damit habe ich als (ein) politisches Ziel, dass es keine Nazis mehr gibt. Es wären theoretisch mehrere Wege dorthin möglich; unter anderem könnte man alle Personen, die den Status »Nazi« haben, physisch vernichten, also ermorden. Das halte ich für völlig falsch. Nicht nur weil es an sich verbrecherisch wäre, sondern auch, weil diese Strategie anderen Strategien ökonomisch und politisch unterlegen ist. Eine viel bessere Strategie wäre es, aus möglichst vielen Nazis Nicht-Nazis zu machen. Sollte es mir gelingen, durch Überzeugungsarbeit (oder durch Unterwanderung?) jemandem von »rechten Weg« abzubringen, so hätte ich mehr geschafft, als durch Gewalt je möglich wäre. Nicht-Nazi, das heißt nicht unbedingt aktiver Anti-Nazi (oder doch? Dazu unten mehr), und es heißt erst recht nicht unbedingt hochangesehenes Mitglied der Punk-Szene. Obwohl ich finde, dass das möglich sein sollte. Aus der Nazi-Szene auszusteigen, das ist ehrenvoll, da es immer mit Selbstüberwindung und oft mit Gefahr verbunden ist – und weil es außerdem die richtige politische Entscheidung ist. Dass diejenigen, die schon immer da waren, es nicht gerne sehen, wenn der »verlorene Sohn« bei seiner »Rückkehr« gefeiert wird, das ist eine uralte Geschichte.

Müssen sie deswegen gleich in die Punk-Szene einsteigen?

Heißt das, dass die Punks jeden mit offenen Armen empfangen sollen, der aus der Nazi-Szene aussteigen will? Das heißt es nicht – Vorsicht ist geboten. Was der Nationale-Autonomen-Aussteiger im letzten Plastic Bomb (#73, S. 18–19) erzählte oder was im Antifaschistischen Infoblatt (siehe dort) zum Thema steht, ist richtig und sollte beachtet werden – wobei der Ausstieg das beste ist, während schwächere Loslösungen von der Nazi-Szene (Austritt, Rückzug, Aufhören) weniger überzeugen (aber: immerhin!). Nicht nur besteht bei Leuten, die von rechts in die Szene wollen, tatsächlich die Gefahr, dass es sich um einen Versuch der Unterwanderung oder des Ausspähens handelt; auch ist es verständlich, dass man nicht solche Leute unter sich haben will, die einen früher gejagt und zusammengeschlagen haben. Wo so etwas vorgefallen ist, bestehen Empfindlichkeiten, die auch ihre Berechtigung haben. Man muss niemandes Freund werden. Ich habe Verständnis dafür, wenn eine Szene ehemalige Feinde nicht aufnehmen will (auch wenn ich es nicht in jedem Fall für angemessen halte).

Wie man in eine Szene aufgenommen wird

Szenen sind aber nicht homogen, und es ist eher die Regel als die Ausnahme, dass Einsteiger in eine Szene (ob von rechts oder nicht) erst nur von wenigen gekannt und dann akzeptiert werden und mitunter lange brauchen und viel Einsatz zeigen müssen, um allgemeine Anerkennung als vollwertiges Szenemitglied zu erlangen. In einer Szene anzukommen, das geht nie von heute auf morgen, und es hängt von der Bewährung ab – und vom bleibenden Willen des Neulings. Wenn sie weder aussterben noch verwässern will, dann muss eine Szene für ausgesuchten Nachwuchs sorgen. Was wäre ein gutes Auswahlkriterium für die Aufnahme?

Glaubwürdigkeit und Sympathie sollten ausschlaggebend sein. Wem man entweder nicht traut oder keine Sympathien entgegenbringen kann, den braucht man auch nicht aufzunehmen. Sympathie ist eine relativ emotionale Sache, und für sie zu werben macht in diesem Text keinen Sinn. Glaubwürdigkeit kann aber rationaler beurteilt werden. Ob es ein Neuling wirklich ernst meint, muss er z.B. in Aufnahmeritualen, Mutproben und ähnlichem beweisen. Es können Änderungen an Kleidung, Frisuren und Körper (Tattoos, Piercings) verlangt werden – bis hin zu dem Punkt, dass kein Weg zurück mehr möglich scheint. Im Fall der Nazi-Aussteiger ist hier die Offenlegung der gesamten Vergangenheit und der ihm bekannten Nazi-Strukturen zu fordern. Auch kann von jedem Neuling ständiger, mitunter kostspieliger oder sogar gefährlicher Einsatz für die Szene verlangt werden: der Neuling muss Geld, Zeit, Gesundheit, Kreativität und Energie investieren, Reisen unternehmen, szenetypische Verhaltensweisen verinnerlichen, Gegner bekämpfen etc. In Szenen wie den unseren wird das üblicherweise nicht in offiziellen Ritualen durchgeführt, sondern im kleineren Rahmen einer Trinkgruppe, eines Konzertpublikums oder einer Clique. Durch die Überschneidungen solcher Untergruppen verbreitet sich mit der Zeit der Ruf eines Einsteigers, bis er allgemein bekannt ist. Dabei können Urteile durchaus sehr unterschiedlich ausfallen, und das hängt sowohl vom Wissen als auch von der Bewertung des Gewussten ab. Das heißt, dass eine Person für manche Leute als guter Typ gilt, während andere sie für ein Arschloch halten und wieder andere sie gar nicht kennen. Weil es keine zentrale Entscheidungsstelle gibt, kann es Ex-Nazis passieren, dass sie immer wieder ihre Glaubwürdigkeit unter Beweis stellen müssen.

Toleranz – etwa auch gegenüber Nazis?

Die Bewertung von Personen erfolgt uneinheitlich und ungleichzeitig; daher scheint Streit in der Szene vorprogrammiert, und zwar jedes Mal, wenn einer neu dazukommt. Damit man trotzdem miteinander auskommt, braucht es eine Regel, wie man mit noch nicht etablierten Leuten – die ja sonst wer sein könnten – umgehen soll. Diese Regel ist die Toleranz. Toleranz wird oft falsch verstanden als »alles dulden«. Wenn das so wäre, müsste Toleranz auch die Abschaffung der Toleranz dulden und mithin Intoleranz zulassen. Das wäre nicht nur unlogisch, es würde auf lange Sicht zum Aussterben der Toleranz führen. So dämlich ist die Toleranz aber nicht.

Toleranz ist eine bedingte Duldung. Die Bedingung lautet, dass das Geduldete mit der Toleranz verträglich sein muss – wer toleriert werden will, muss selbst tolerant sein. Und das heißt umgekehrt, dass die Toleranz fordert, all das nicht zu dulden (d.h. wenn nötig aktiv zu bekämpfen), was die bedingte Offenheit der Toleranz gefährdet. Toleranz lässt nicht nur vieles zu, sie bekämpft auch diejenigen Einstellungen und Taten, die das Zulassen von vielem beenden wollen. Nazis sind Feinde der Toleranz, andere sind das auch. Tolerant sein heißt alles das bekämpfen, was Nazis und andere gegen die Freiheit eines jeden unternehmen, zu tun oder zu lassen, was mit der Toleranz verträglich ist. Während die Toleranz von mir fordert, Besucher und Neulinge und überhaupt Andersartige in meinem Umfeld zu dulden (ohne dass ich sie auch mögen muss), verlangt sie zugleich, dass ich sowohl diejenigen Versuche von Neulingen und Besuchern bekämpfe, die die Offenheit meines Umfelds abschaffen wollen, als auch die im Umfeld bereits etablierten ebenfalls zur Toleranz anzuhalten. Toleranz gegenüber Nazis heißt: sie von unseren Veranstaltungen verjagen, ihre Propaganda verhindern, ihre Angriffe abwehren, ja sogar sie selbst direkt anzugreifen – nicht bis zum Tod, sondern bis sie sich der Toleranz unterworfen haben. In diesem Sinne rufe ich zur Toleranz gegenüber Nazis auf, und in diesem Sinne stelle ich mich klar gegen »rechtsoffene« Tendenzen.

Toleranz verlangt aber nicht Konformität. »Jeder darf sein, wie er will, solange das so ist, wie ich bin« – das ist keine Toleranz. Toleranz fordert im Gegenteil sogar, das zu dulden, was man für hässlich, falsch, dumm und wertlos hält. Fördern muss man das nicht, erst recht muss man es nicht übernehmen. Aber man muss darauf verzichten, es zu bekämpfen. Erst das, was man für gefährlich hält (und zwar gefährlich für die Toleranz), darf und muss bekämpft werden. Man muss also ein Urteil fällen, und weil man sich dabei irren kann, muss man auch bereit sein, sich korrigieren zu lassen. Bands, die absichtlich und böswillig faschistische Veranstalter unterstützen oder auf linken Veranstaltungen Werbung für ihren rechten Dreck machen, gehören toleranterweise verjagt und bekämpft. Bands, die irrtümlicherweise zusammen mit rechten Bands oder Veranstaltern Musik machen, müssen sich korrigieren lassen. Bands, die irrtümlicherweise als rechts oder »rechtsoffen« bezeichnet werden, dürfen eine Korrektur dieses Urteils verlangen. Wenn auf Pogorausch-Konzerten wirklich rechte oder »rechtsoffene« Bands gespielt haben sollten, so macht man uns berechtigterweise darauf aufmerksam und Pogorausch muss Besserung geloben. Wenn solche Vorwürfe aber ungerechtfertigt sind, so verlangen wir von den Anklägern Rücknahme und zukünftige Besserung – und zwar weil wir die antifaschistische Stoßrichtung von solchen Angriffen anerkennen und auch in Zukunft wünschen, und dazu ist es unbedingt notwendig, dass die Vorwürfe auch zutreffend sind. Eine Quelle von Vorwürfen, die sich bei Irrtum nicht verbessern lässt, entwertet auch die berechtigten Vorwürfe, und das würde unsere gemeinsamen antifaschistischen Bemühungen schwächen.

»Für rechtsoffen«, »gegen rechtsoffen« – was denn nun?

Ich habe in diesem Text das Wort »rechtsoffen« in Anführungszeichen gesetzt, weil ich es in zwei verschiedenen Bedeutungen verwendet habe. Einmal habe ich für eine »rechtsoffene« Szene plädiert, wobei ich mit »rechtsoffen« gemeint habe, dass es uns möglich sein sollte, den Rechten Leute abzuwerben. Diese Leute müssten sich freilich glaubwürdig von der rechten Szene trennen (so dass es dieser schadet) und etwas zu unserer Szene beitragen. Später im Text habe ich gegen eine »rechtsoffene« Szene plädiert, indem ich dargelegt habe, dass alle intoleranten Reden und Taten bekämpft werden müssen – und solche sind hauptsächlich (aber nicht nur) von rechts zu erwarten. In diesem zweiten Fall meinte ich mit »rechtsoffen« die Duldung von rechter Propaganda innerhalb einer Szene. Meine Position ist dabei nicht widersprüchlich; sie lässt sich nur besser darstellen, wenn auf das doppeldeutige Wort »rechtsoffen« verzichtet wird.

Ich wünsche mir, dass unsere Szenen auf bestimmte Weise politisch sind. Dass sie überhaupt politisch sind, lässt sich eh nicht vermeiden, aber wie sollten sie das sein? Hier möchte ich mich nur auf ein politisches Ziel konzentrieren (obwohl ich mehrere habe): den Antifaschismus. Das ist ein negativ definiertes Ziel, das daher (im Gegensatz zur Toleranz) auf Selbstabschaffung durch Zielerreichung ausgerichtet ist. Das mag psychologisch problematisch sein (»Was bin ich, wenn ich kein Antifaschist mehr sein kann, weil es keinen Faschismus mehr gibt?«), aber niemand ist nur Antifaschist und sonst nichts.

Der Antifaschismus unserer Szenen sollte sich grundsätzlich gegen Ideologie und Praxis des Faschismus richten, nicht grundsätzlich gegen Personen. Sicher, das lässt sich nur schwer trennen – Ideologie und Praxis treten ja nie ohne Personen auf. Aber ein personenorientierter Antifaschismus verfällt zu leicht dem Motto »einmal Fascho, immer Fascho«, und das verurteilt die Personen als dümmer und den Faschismus als geschickter als beide sind. Wenn wir unsere Aktionen gegen Ideologie und Praxis richten, dann können wir auch langjährige Szenemitglieder in die Schranken weisen, falls sie mal ausfällig werden, ohne sie gleich zu Feinden machen zu müssen. Und wir ermöglichen es Faschisten, umzukehren und dem Faschismus schwere Schläge zuzufügen – weil wir Faschismus nicht mehr für eine unveränderliche Eigenschaft von Personen halten, sondern für eine veränderbare soziale Praxis, die vernichtet werden kann, ohne dass Menschen vernichtet werden müssen. Und das ist wichtig, eben weil Antifaschisten nicht »rotlackierte Faschisten« sind und weil sich links und rechts nicht »hufeisenförmig« nähern.

Text von Peter Seyferth

 
 
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